Historiker Becker sieht in Nostalgie eine Reaktion auf gegenwärtige Krisen

vor 15 Stunden · 1 Min. Lesezeit

Elderly Mann im Büro, der sich erschöpft die Augen reibt, umgeben von vintage Dekor.
Foto: Tima Miroshnichenko / Pexels

Die Neigung zur Verklärung der Vergangenheit ist nach Ansicht des Historikers Tobias Becker von der Freien Universität Berlin vor allem eine Reaktion auf Überforderung und Krisengefühle in der Gegenwart. Das Empfinden, in besonders krisengeschüttelten Zeiten zu leben, sei keineswegs neu, sagte der Autor des Buchs „Heimweh nach gestern – Eine Geschichte der Nostalgie in Deutschland“ im Gespräch mit ntv.de. Bereits in früheren Epochen hätten Menschen mit Beschleunigung und technischem Wandel gekämpft.

Der Begriff Nostalgie stammte im späten 17. Jahrhundert ursprünglich aus der medizinischen Fachsprache für Heimweh und wandelte sich erst rund 200 Jahre später zur Sehnsucht nach vergangenen Zeiten. Seinen popkulturellen Stellenwert erhielt das Phänomen in den 1960er Jahren in England und Anfang der 1970er Jahre in Deutschland, ausgelöst durch Ölpreiskrise, Rezession und Arbeitslosigkeit. In der Psychologie wird die Tendenz, Höhepunkte zu erinnern und Alltagsbelastungen auszublenden, als „Rosarote Rückschau“ bezeichnet.

Trotz Fortschritten wie der weltweiten Ausrottung der Pocken, Neuerungen in der MRT-Diagnostik oder dem Ausbau von Photovoltaik und Windkraft gebe es laut Becker Bereiche, die früher besser geregelt waren, darunter bezahlbarere Mieten oder umfassendere Leistungen der Krankenversicherung. Wer jedoch starr am Gewohnten festhalte, nutze dies mitunter als Selbstschutz, um sich die eigene ressourcenintensive Lebensweise in der Vergangenheit nicht einzugestehen.

Diesen Mechanismus nutzen nach Beckers Einschätzung auch Populisten, um Systemkritik an der Gegenwart zu begründen. In Ostdeutschland sei die Erinnerung an die DDR heute vielfach von Geschichtsverzerrungen geprägt, etwa wenn Vollbeschäftigung ohne den Verweis auf das politische Zwangssystem hervorgehoben werde. Solche nachträglich geschönten Erzählungen spiegelten jedoch weniger eine tatsächliche Sehnsucht nach der DDR wider als vielmehr die Unzufriedenheit mit der Gegenwart.

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